DRG – Innovations-Treiber oder Hemmer?

Am FASMED-Expertenpannel standen Folgen der Fallpauschale für die Medizintechnik im Fokus.

Innovation und Fortschritt im SwissDRG-Zeitalter – das „heisse“ Thema lockte am 8. September rund 100 Vertreter von Mitgliederfirmen zum FASMED-Expertenpanel an die BEA Bern Expo. Die Tatsache, dass das Messegelände zurzeit eine Baustelle ist, diente dem Gastgeber Nicolas Markwalder und anderen Rednern als bildlicher Vergleich zur Fallpauschale, die sich noch im Aufbau befindet und bereits für Lärm sorgt.

Der FASMED-Präsident bekräftigte, dass beim Bestreben um mehr Effizienz im Spitalwesen nicht auf Kosten von Qualität und Innovation gespart werden dürfe. Daniel Finsterwald, Reimbursement Manager bei Synthes und Mitglied der FASMED Taskforce,  warnte vor zu viel Standardisierung. So gelten für das Spitalwesen nicht dieselben Bedingungen wie für die Autoindustrie.

Optimale Versorgung im Fokus

Zwar befindet sich die Medizintechnik im vorgelagerten Markt der medizinischen Versorgung, ist aber als Produktzulieferer trotzdem von SwissDRG betroffen. Darüber hinaus fühlt sich die Branche als Teil des Gesundheitssektors für deren weitere Entwicklung mit verantwortlich. Deshalb stellt FASMED in seinen Positionspapieren deutliche Forderungen. So verlangt der Verband u.a. die Sicherstellung der Qualität bei der stationären medizinischen Versorgung und einen schnelleren Zugang der Patienten zu Innovationen. (So wird eine Neuerung gemäss den jetzt vorgesehenen Prozessen frühestens nach rund 5 Jahren tarifwirksam.) 

Die Verkürzung dieser Zeit bedingt einen unbürokratischen Antragsprozess und eine frühzeitige Erfassung und Berechnung der Kosten. Und bis eine (aufwändige) Innovation schliesslich im DRG-Leistungskatalog abgebildet ist, braucht es zur Überbrückung zusätzlich eine Art Vorfinanzierung –  etwa in Form von Sonderentgelten. Am Expertenpannel wurden in diesem Zusammenhang die Übernahme der deutschen "Neuen Untersuchungs- und Behandlungsmethoden" (NUB) oder die Schaffung eines Innovations-Pools für die Universitäts- und Zentrumsspitäler als mögliche Lösungen diskutiert.

Von links: Anna Sax, Redaktorin der Schweizer Ärztezeitung, Olaf Winkler vom Bundesverband Medizintechnologie (BVMed), Markus Trutmann, Generalsekretär fmCh, Guido Schüpfer, Stabchef Ärztliche Direktion und Co-Chefarzt Anästhesie, Luzerner Kantonsspital und Wolfgang Frisch, Direktor Medtronic, Deutschland

Deutliche Veränderungen in Deutschland

Deutschland hat hier der Schweiz Einiges an Erfahrung voraus. So gibt es die GermanDRG (ohne Investitionspauschalen) bereits seit 2003. Laut Olaf Winkler vom Bundesverband Medizintechnologie haben sich seither die Einkaufsprozesse in den Krankenhäusern (zugunsten von Einkaufsgesellschaften) deutlich verändert. Hier hat DRG zu Kosteneinsparungen und Erlössteigerungen geführt. Innovations-hemmend sei hingegen das bürokratische Verfahren: So hätten bisher lediglich 35 Prozent der NUB-Anträge das Stadium einer Entgeltsverhandlung erreicht. Auch seien die Aktivitäten für die Markteinführung neuer Produkte sehr aufwändig.

Wolfgang Frisch, Direktor Medtronic Deutschland, erläuterte die DRG-bedingte Entwicklung am Beispiel der Herzschrittmacher und Defibrillatoren. „Der Marktanteil für ein Medtech-Unternehmen ändert sich damit zwar nicht, dafür sinken die Preise und Margen.“ Mit der Fallpauschale wandelt sich auch das Berufsbild grundlegend. So sind jetzt Mitarbeiter gesucht, die medizinische, technische und ökonomische Skills in sich vereinen. Frisch empfahl den Teilnehmern, sich rechtzeitig für DRG zu rüsten, integriertes Marketing zu betreiben, das Verkaufspersonal zu schulen, eine Stelle für Reimbursement (Rückerstattung) bei der Geschäftsleitung anzusiedeln und sich mit Unterstützung des Branchenverbands gemeinsam zu organisieren.

Qualität, Wirksamkeit und Effizienz

Von links: Pius Gyger, Direktionsmitglied, Helsana Versicherungen, Ruth Humbel Näf, Nationalrätin und Mitglied der Gesundheitskommission, und Michael Jordi, Zentralsekretär GDK

„Was ist der volkswirtschaftliche Gewinn, wenn neue Technologien hauptsächlich Leben nach der Pensionierung verlängern? Im Zuge der demographischen Entwicklung muss Innovation unter zusätzlichen Werte-Kriterien betrachtet werden“, so Guido Schüpfer, u.a. Co-Chefarzt Anästhesie am Luzerner Kantonsspital. Dieses hat bereits an einem Pilotversuch mit SwissDRG teilgenommen. Ziel der neuen Fallpauschale ist laut Schüpfer ein Qualitäts-Preis-Wettbewerb unter Garantie einer nicht-diskriminierenden Versorgung.

 „Neuerungen sollen nicht nur forschungs-orientiert, sondern auch prozess-optimierend sein. Dazu gilt es die geeigneten, nicht die besten oder billigsten Produkte einzusetzen“, fordert Pius Faller, Vizedirektor Bundesamt für Gesundheit (BAG). Nationalrätin Ruth Humbel Näf bricht derweil eine Lanze für die Branche: „Medizintechnische Innovationen werden immer als teuer bezeichnet, dabei tragen sie per se wesentlich zur Effizienz-Steigerung bei.“

Um von den Krankenkassen vergütet zu werden, hat eine Neuerung wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich (WZW) zu sein. „Mit der leistungsbezogenen Tarifierung erhöht sich die Transparenz und sind Innovationen künftig hinsichtlich ihres Nutzens überprüfbar“, betont Pius Gyger, Direktionsmitglied bei Helsana. DRG werde sich folglich auf die Investitionsentscheide der Spitäler und damit auf die Innovationsprozesse und Preise auswirken. Laut Jordi, Zentralsekretär GDK, führt die Vereinheitlichung des Tarif-Systems bei den Spitälern zu einer Zäsur für die (bis dahin erfolgsverwöhnte) Medizintechnik.

Unsicherheiten im Vorfeld

SwissDRG hat im Vorfeld vielerorts auch Unsicherheit und Widerstand ausgelöst. Die Sorge um die Privatsphäre beim Anlegen von Datenbanken veranlasste Barbara Züst, Juristin und Pflegefachfrau Anästhesie, u.a. dazu, ein Moratorium für die Einführung der leistungsbezogenen Fallpauschalen einzureichen. Auch dürfen in Folge der angestrebten Verkürzung der Verweildauer Patienten nicht zu früh aus dem Spital entlassen werden. „Es ist noch vieles unausgegoren. Die Schweiz braucht deshalb mehr Zeit für die Einführung von DRG“, erklärt sie.

Von links: Benjamin Tommer, Redaktor „NZZ am Sonntag“, Barbara Züst, Pflegefachfrau Anästhesie, Beraterin SPO, und Simon Hölzer, Geschäftsführer, SwissDRG

Andreas Faller, Vizedirektor Bundesamt für Gesundheit BAG (rechts), und Melchior Buchs, Generalsekretär FASMED

In Einem waren sich alle Teilnehmer einig: Die Fallpauschale wird (wie in anderen Ländern Europas) kommen. Es ist laut Humbel Näf zwar nicht die perfekte Lösung, aber ein lernendes System. Dennoch tun die Medtech-Unternehmen gut daran, sich frühzeitig darauf vorzubereiten. Dabei setzt sich FASMED für weiterhin optimale Rahmenbedingungen ein: „Statt Regulierung bleibt der Wettbewerb das wünschenswerte System“, so Melchior Buchs“, Generalsekretär FASMED. In diesem Sinne unterstützt der Verband seine Mitglieder mit regelmässiger Information sowie Aufklärungsarbeit und vertritt aktiv deren Interessen gegenüber den Behörden, der Politik und der Öffentlichkeit. 

Text: Kathrin Cuomo-Sachsse; Fotos: Sarah Buchs

 

Zurück zur Übersicht